geht politisch auf wienerisch?

seit tagen arbeit ich an den lyrics einer neuen nummer für die Funkkombinäsch. ein cover von “Compared to what” soll’s werden: groovt hölle, technisch nicht anspruchsvoll, stimmlich wie gemacht für sängerin Julia. das original geht so:

textlich ist die nummer irgendwas verschwurbelt protestliches, traut sich aber nie konkret aus der deckung heraus. pop-mainstream halt, die wollten geld verdienen und keinen verprellen. aber wurscht: der song ist kräftig, wütende farben – wie gemacht für für klare worte.

und klare worte sind notwendig beim grossen heuchelei-thema, mit dem ich seit langem schwanger geh: das “boot-ist-voll”-gelüge. die blanke xenophobie, die als “berechtigte sorgen der bevölkerung” gehandelt wird. der stammtisch, der plötzlich die frauenrechte entdeckt, nur weil draussen ein paar kopftücher vorbeigehen. das diskreditieren von menschen, die das gewollte versagen von politik und verwaltung ausgleichen, usw, usw.

also hingesetzt und die ersten fetzen geschrieben. aber oops?? das sperrt sich ja gewaltig … das will so gar nicht in einen dialekttext hinein. was ist da los? genügend emotion ist da, jede/r ist sofort sehr emotional bei diesem thema. inhaltlich weiss ich genau, wo ich hin will. und die versstruktur des songs bietet deutliche messages sehr an. seltsam.

im wienerischen funktioniert doch so vieles kräftiger und gleichzeitig subtiler als im hochdeutschen. liebe, sehnsucht, schmusiwu zum beispiel. die (sprachlich noch verhaltene) frühe Marianne Mendt und “Wia a Glockn”:

bei “gschichten aus dem wirklichen leben” und witzigen inhalten kommt der dialekt sowieso sehr zu sich. jüngstes beispiel ist natürlich der meistertext von Seiler & Speer “Ham kummst”:

oder “Der legendäre Wixerblues vom 7. Oktober 1976” von Georg Danzer:

oder, weniger bekannt: praktisch alles von Rabouge (da gibt’s leider kaum gute youtubes):

punkto gesellschaftspolitisch funktionieren am ehesten noch die sachen von singer-songwritern, wie zB. vom verehrten Sigi Maron (“Ballade von aner hortn Wochn”):

aber polit-lyrics und wienerisch zicken grauslich miteinander. warum?

eine antwort ist sicher, dass viele prägnante begriffe nicht ohne schmerzen in dialekt umgelautet werden können (also wie zB. aus “Sprache” die “schbroch” wird), sondern nur hochdeutsch funktionieren: “Heuchelei”, “Recht auf Asyl”, “Menschenrechtskonvention”. noch schlimmer: “Xenophobie”. nein, geht gar nicht, jedenfalls nicht ohne tricks.

aber nach einigem grübeln halt ich für den eigentlichen grund, dass wir dem dialekt so ernste kost nicht zutrauen. blumige gefühle, blödeleien, nostalgie, und sowieso das prollige: das ist das reservat des (gesungenen) wienerisch geworden. die klaren worte, die politische wut, die intelligente kritik drängen ins hochdeutsche oder gar englische. die klingen auf wienerisch ziemlich falsch, der sound stimmt irgendwie nicht, ohne dass man genau sagen könnte wieso.
wie zwei farben, die einfach nicht zueiander passen.

verdammt!!

der Homepage-Hanse